Gekritzel aus Bolivien Nr. 11 - 09.02.2011

Die koloniale Pluenderung des Cerro Rico von Potosí

cerroricoMitte des 16. Jahrhunderts entdeckten die Spanier Silbervorkommen im Cerro Rico, welcher sich als der reichste Silberberg der Welt entpuppen sollte. Zur Ausbeutung des begehrten Edelmetalls wurde 1545 im kargen Andenhochland Potosí gegruendet. Innerhalb von 28 Jahren wuchs die Stadt mit 120.000 Einwohnern auf die gleiche Groesse wie London (groesser als das damalige Rom oder Paris). Die Herrschenden lebten in verschwenderischem Reichtum, waehren die Arbeit im Silberberg von indigenen Sklaven verrichtet wurde, die meist innerhalb weniger Jahren an den Arbeitsbedingungen unter Tage starben, weshalb die Minen auch als “Schlund der Hoelle” bezeichnet wurde. Dieser verschlang nach Schaetzung von Josiah Conder innerhalb von 3 Jahrhunderten Kolonialzeit acht Millionen Menschenleben. Der Versuch afrikanische Sklaven n den Minen arbeiten zu lassen scheiterte, da sie die Hoehe von uber 4000Metern nicht aushiehlten.

Nach einer 1934 veroeffentlichten Studie des US-amerikaners Earl J. Hamilton, erreichten zwischen 1503 und 1660 offiziell 16Millionen Kilogramm Silber das spanische Festland (+Schmuggelware). Neben zwei mexikanischen Silberminen kam dies vor allem aus Potosí. Da die spanische Krone hochverschuldet war, landeten die Gold und Silberimporte aus den Kolonien aber mehrheitlich bei hollaendischen, franzoesischen, englischen, genuesischen und deutschen Kaufleuten. In deren Heimaten legte das so angesammelte Kapital einen wichtigen Grundstein fuer die den wirtschaftlichen Fortschritt, die Industrielle Revolution und den Reichtum Europas. Waehrend die Pluenderung des lateinamerikanischen Edelmetalle diese Entwicklung in Europa ermoeglichte, verhinderte sie selbige in den ausgebeuteten Regionen.

Die heutige Siuation in Potosi

minero2So hausen heute am Fuss des ehemals reichsten Silberbergs der Welt viele Bergleute in Haeusern mit Wellblechdaechern zwischen Schotterstrassen .

Im Berg  selbst wird mit Dynamit, Hacke und Schaufel gestein aus den Tiefen Berges geschlagen und in Ruecksaecke, Flaschenzuege oder einfache Loren geladen um sie Richtung Oberflaeche zu transportieren. Letztere rollen auf Schienen die teilweise noch aus der Kolonialzeitstammen und an den Weichen werden noch die Schienen selbst per Hand in die entsprechende Richtung umgelegt. Ich konnte die Errfahrung machen eine leere Lore bei ca. 40°C durch Stollen zu schieben, welche teilweise gerademal gross genug fuer sie selbst sind und bin an den ansteigenden Stellen schon fast verzweifelt. Dabei war die Lore leer und der Weg in den Berg hinein tendenziell abschuessig.

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Unter diesen extreme harten Arbeitsbedingen arbeiten die Mineros 20-30 Jahre bevor sie entweder an einem Unfall oder derdurch Staub, Asbest und Grubengase verursachten Staublunge sterben. Untertage sind uns Maenner begegnet die bereits Taschentuecher in den Nasen trugen um das herausstroemende Blut abzufangen. Per Gesetz ist die Arbeit erst ab 18 Jahren erlaubt aber wir haben 14 jaehrigen getroffen, der neben der Schule angefangen hat in der Mine zu arbeiten, um zusaetzliches Geld fuer die Familie zu verdienen.

Immerhin sind Mineros in Potosi in Kooperativen organisiert oder haben sogar ihren eigenen Stollen und so bis zu einem gewissen Grad ihre eigenen Chefs. So koennen sie selbst entscheiden wann und wie lange sie arbeiten wollen/muessen und wann sie ruhen. Allerdings bleibt ihr letztendlicher Verdienst nicht nur von dem Glueck abhaenig auch welche Metalle sie stossen, sondern auch von dem Weltmarktpreis und dem lokalen Raffinationsunternehmen, an welches sie die Rohmetalle verkaufen.

Neokoloniale Wirtschaftsstrukturen?

330px-Battery_reworkedAuch wenn die Mineneros im bolivianischen Durschnitt relativ gut verdienen, produzieren sie weiterhin nur Rohstoffe fuer die verarbeitende Industrie in Europa, den USA, Japan usw. Heute wird in Potosi vor allem Zink abgebaut, welches hauptsaechlich als Rostschutzmittel fuer Stahlindustrie, Eisenbahnen, Autos etc, sowie als Grundstoff fuer Batterien gebraucht wird. Merkwuerdigerweise entstanden diese Industrien dort, wo das Silber aus Potosi angehaeuft wurde und sind auch heute noch mit Unternehmen wie ThyssenKrupp, VW oder VARTA  dort beheimatet.

Wenn Touristen dann den Besuch in den Minen wertschaetzen, “da man sehen [kann] wie gut es einem überhaupt geht” (siehe hier), sollten sie sich vielleicht fragen warum dem so ist und sich Zeit fuer eine Lektuere von Eduardo Galeanos Die offenen Adern Lateinamerikas nehmen: “Schliesslich laesst sich auch in unserer Zeit die Existenz reicher kapitalistischer Zentren nicht ohne die Existenz armer unterworfener Peripherien erklaeren. Erstere und letztere sind Teil desselben Systems”

Mit diesen Worten Galeanos moechte ich die Reihe “Gekritzel aus Bolivien” fuers erste schliessen und mich von diesem ausgepluenderten Land verabschieden, das seit 2006 mal mehr mal weniger ernsthafte Anstrengungen unternimmt, sich aus den Mechanismen zu loesen welche es zur “armen unterworfen Periphie” macht (-wie die kontroverse Teilverstaatlichung der Kohlenwasserstoffe oder den Aufbau einer eigenen Industrie zur Nutzung der weltgroessten Lithiumvorkommen(mehr dazu))). Damit wird zwar wenig am (internationalen Handels-)”System” geaendert, vielleicht aber fuer die Menschen in dem ressourcenreichen, aber wirtschaftlich aermsten Land Lateinamerikas, welche sich oft als “Bettler auf dem goldenen Thron” sehen.

a11Bis demnaechst.

(Wegen der vielen positiven Rueckmeldungen, werden wir versuchen dieses Format beizubehalten, indem mein Kollege Mario schreibt und ich uebersetze. Ob das klappt? –a ver (mal sehen)

Axel Anlauf (Kontakt Esta dirección de correo electrónico está siendo protegida contra los robots de spam. Necesita tener JavaScript habilitado para poder verlo.)