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Gekritzel aus Bolivien Nr. 10 - 01.02.2011

Dieses woechentliche Rundschreiben wird von Axel Anlauf, Mitarbeiter bei Somos Sur von November 2010 bis Februar 2011 veroeffentlicht.

Internationale Legalisierung des Kokakauens?

Vor sechs Monaten reichte Bolivien einen Aenderungsantrag des UN-Einheitsabkommen ueber die Betaeubungsmittel ein, um die traditionelle Praktik des Kokakauens zu legalisieren. Das Abkommen aus dem Jahre 1961 erlaubt Laender zwar die temporaere legale Nutzung von Kokablaettern, strebt aber an das Kokakauen innerhalb von 25 jahren nach Inkrafttreten der Konvention (1964) abzuschaffen. (Originaltext engl.)

Da Bolivien es 1976 unterzeichnete, ist das Kokakauen nach diesem Abkommen auch hier seit 2001 illegal. Doch eine Jahrtausendalte kulturell tief verwurzelte Praktik (nicht nur unter Menschen die sich als Indigene verstehen) laesst sich kaum innerhalb von 25 Jahren durch ein in mangelnder Sachkenntnis (oder unter Ignorierung selbiger) ausgesprochenes Verbot beenden; mal ganz abgesehen davon, dass es den Vereinten Nationen ja bekannterweise oft an Mechanismen zur Durchseztung ihrer Abkommen fehlt.

evococaNach der fatalen oekonomischen und oekologischen Erfahrung der von der USA aufgezwungenen Kokavernichtungspolitik, welche die Kokapfalnze mit dem Rauschgift Kokain gleichsetzte und zum Ziel hatte saemtlichen Anbau von Koka in Bolivien zu unterbinden (unter dem passenden Motto “Cero Coca” –Null Koka. Siehe auch Gekritzel 3), waere die internationale legale Anerkennung ein wichtiger Schritt zu einer Vermeidung zukuenftiger Drogenpolitiken, wie “Cero Coca” und zum Fortbestehen der Kokakultur: Diese ist nicht nur sozial und religioes, sondern auch gesundheitlich bedeutend (siehe unten).

In Bolivien selbst wurde mit dem Amtsantritt des ehemaligen Koka-Bauern Evo Morales unter dem Slogan “¡Coca sí! ¡Cocaína no!” einentscheidenderParadigmenwechsel eingeleitet, wodurch das Kokablatt mit der neuen Verfassung als geschuetztes andines Kulturerbe anerkannt wird, aber auch als Grundstoff fuer Kokainherstellung. Diese pragmatische Entkopplung der traditionellen Pflanze von ihrem chemischen Derivat auch auf internationaler Basis zu erreichen, koennte das Fortbestehen von Politiken wie “¡Coca sí! ¡Cocaína no!” auch unter zukuenftigen Regierungen sichern, die nicht so sehr wie Morales wagen den Einfluss der USA  herauszufordern.

Blockade des Legalisierungsantrags

Denn immerhin scheint auch die Obama-Administration noch im Paradigma von “Cero Coca” und der Doktrinen des “Krieges gegen die Drogen” zu verharren, da sie wegen der “Beudeutsamkeit die Vollstaendigkeit der Konvention von 1961 zu wahren” am 19. Januar Einspruch gegen Boliviens Aenderungsantrag (Originaltext engl) einlegte. Bald darauf folgten Schweden und das Vereinte Koenigreich und kurz bevor die sechse Monate lange Frist zum Einrichen von Widerspruch gestern am 31.1. verstrich schlossen sich schliesslich auch noch Kanada, Daenemark und Deutschland an. Auch die Repraesentanten dieser Laender argumentierten im Diskurs des Weissen Hauses. Bolivianische Diplomaten konnten zuvor Aegypten, Mazedonien und Kolumbien davon ueberzeugen ihren Einspruch zurueckzunehmen.

cocalapazpeqDa dies bei den anderen sechs Laendern nicht gelang, wird der Antrag wohl abgelehnt werden, weshalb Bolivien eine UN-Konferenz zur Legalisierung des Kokakauens einberufen will.

In dem Andenland wurde vergangene Woche am 26.01. zur Unterstuetzung des Aenderungsantrags zum “día de acullico” (Tag des Kokakauens) aufgerufen. Besonders in La Paz demonstrierten tausende Kokakauende Menschen vor der amerikanischen Botschaft. Die darauf erfolgte Erklaerung der USA, sie wuerden indigine Kulturen respektieren und das Kokakauen als Tradition anerkennen wurde hier angesichts der Tatsache, dass sie ihr Veto -unter Berufung auf die Vollstaendigkeit der 1961 enworfenen Konvetion- aufrechterhalten- als heuchlerisch abgetan.

Das Koka-Blatt: Nahrungsmittel und Medizin

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So konnten die Demonstrant_innen die Position des Weissen Hauses ebensowenig aendern, wie der eine bereits 1995 veroeffentlichte Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die keine negative Folgen des Koka-Konsums festellen konnte. “hingegen erfüllt er positive therapeutische, religiöse und soziale Funktionen für die andine Urbevölkerung."

Egal ob Menschen sich als indigene verstehen oder nicht, Koka ist unter anderem wegen seinem hohen Kalzium-Gehalt ein wichtiges Nahrungsmittel und wird besonders wegen seiner positive Wirkung gegen Muedigkeit, Hunger und die Hoehenkrankheit Soroche geschaetzt. (zu den Inhaltsstoffen mehr hier auf Seite 2 -dt. oder ausfuehrlicher hier auf spanisch) Ohne die Pflanze wuerden die Minenarbeiter wohl noch schneller an den auch heute noch unmenschlichen Bedingungen in der Mine sterben. (Deren Lebenserwartung liegt bei ca 42 Jahren).

Wer leichtere Lebensumstaende hat, schaetzt das Koka vielleicht weniger, so liess sich am Tag des Kokakauens eine weisse Fernsehmoderatorin mittleren Alters (glaubhaft) beibringen, wie sie ihre ersten Kokablaetter zu kauen habe.

a10Auch wenn ich hier zweifelsohne ein privilegiertes Leben fuehre, verschmaehe ich doch nach vielen Stunden am Computer die Kokablaetter nicht. Und da wohl neben politischen Gruenden Desinformation eine grosse Rolle bei der Blockade zur Legalisierung des Kokakauens spielt (auf deutsch berichtete neben spezialisierten Medien, wie Lateinamerika21.de, und ein paar Zeilen der Bild, einzig die Sueddeutsche), abschliessend auch noch meine persoenliche Empfehlung fuer das gruene Blaettchen.

Bis zum naechsten mal


Axel Anlauf (Kontakt: Esta dirección de correo electrónico está siendo protegida contra los robots de spam. Necesita tener JavaScript habilitado para poder verlo.)