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Gekritzel aus Bolivien Nr. 9 - 28.01.2011

Dieses woechentliche Rundschreiben wird von Axel Anlauf, Mitarbeiter bei Somos Sur von November 2010 bis Februar 2011 veroeffentlicht.

1 Jahr Plurinationaler Staat und 5 Jahre Evo Morales

Am vergangenen Samstag, dem 22.1. feierte Bolivien seinen ersten Geburtstag als Plurinationaler Staat, was Annlass fuer ein grosses Fest in La Paz war, waehrend dessen Praesident Evo Morales  eine ueber drei Stunden lange Rede zur soziooekonimischen Lage des Landes hielt. Als “letzter Praesident des kolonialen zentralistischen Staates” und als “erster Praesident des plurinationalen autonomen Staates” praesentierte Morales eine soziooekonomische Bilanz des Andenlandes.

evoalvaroaniversarioSo kann die seit 2006 amtierende Regierung ein stabiles Wirtschaftswachstum zwischen 6,1% (2008) und 3,4% (2009) (beides real) fuer sich verbuchen, welches vor allem durch die Rohstoffexporte ermoeglicht wird, an denen 2004 noch 565 Millionen Dollar verdient wurde und 2008 bereits 2.647 Millionen Dollar, dank der Teilverstaatlichung und hoher internationaler Rohstoffpreise. Besonders gefeiert wird das Rekordhoch der internationalen Reserven Boliviens, die erstmals ueber 10.000US-Dollar erreichen, waehrend sich die Auslandverschuldung auf knapp 2,5 Milliarden US-Dollar halbierte.

Auch bei der Verteilung der gesellschaftlichen Gueter erreichte die Morales Administration Fortschritte: Die Ausgaben fuer oeffentlich Bauten verdoppelten sich waehrend der letzten fuenf Jahre auf 1714 Millionen Dollar im Vergleich zum Zeitraum 2001-2005.
Im Gesundheitsbereich konnte nicht zuletzt durch 441 neue gesundheitszentren (nun insgesamt 2786) und spezielle Programme die Kindersterblichkeit von 5,4% auf 4,5% reduziert werden, was den Praesidenten aber nicht zufrieden stellt.
Positiver ist die Bilanz im Bildungsbereich, wo durch die 2006 eingeleitete Alphabetisierungskampagne die Analphabetenrate von 13% auf 4% reduziert wurde, was Bolivien nach einer UNESCO Erklaerung zum “Analphabetismusfreien Land” macht.
Auch von der mehrfachen Anhebung des Mindestlohns auf mitlerweile ca 73€ und die Einfuehrung der universellen Mindestrente von ca. 20€ pro Monat konnten viele Menschen profitieren.

Zwar wurden so z.B. durch verstaerkte Umverteilung und die "Nationalisierung" von Schluesselindustrien, wie dem Erdoel und Erdgassektor (auch wenn die Reichweite dieser Massnahme zunehmend kritisiert wird) erste Schritte in der geplanten gesellschaften Umgestaltung zu einem "Socialismo Comuniatrio"* unternommen. Jedoch bleiben dies Korrekturen an der weiterhin bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung.

Erneute Proteste gegen Preisanstiege bei Lebensmittel

So haftete auch der Rede und den Feierlichkeiten ein bitterer Beigeschmack des von der Bevoelkerung abgeschmetterten Gasolinazos (siehe Gekritzel Nr. 6)  an, sowie der nun schleichenden Anstiege bei Lebensmittelpreisen (siehe Gekritzel 8).  Zwar mahnte Morales mit den Streitereien aufzuhoehren, rief zu sozialem Frieden auf und dazu die "nationalen Interessen" vor die individuellen, regionalen und sektoralen zu stellen.

protesta_LlallaguaDa die Voranstellung "nationaler Interessen" aber nicht satt macht, protestierten am diese Woche in verschiedenen Teilen des Landes Menschen gegen die Preiserhoehungen von Lebensmittel, die besonderss die Haushaltssituation von Familien und Einzelpersonen mit niedrigem Einkommen verschlechtert.

Waehrend einer Demonstration von mehreren Tausend Land- und Minenarbeiter_innen im Departement von Potosi wurden aus Wut ueber den verteuerten Einkauf dutzende Lebensmittellaeden gepluendert.
Tags darauf liessen zahlreiche Haendler von dicht bevoelkerten Vierteln in La Paz ihre Laeden geschlossen, da sie ein aehnliches Schicksal befuerchteten.

Waehrend die Busfahrer_innen mit den staatlichen Behoerden eine landesweite Erhoehung der Tarife fuer die oeffentlichen Verkehrsmittel vereinbart haben(siehe auch Gekritzel 8), kuendigten auch die Milchproduzenten an ab Montag 50% mehr fuer die Milch zu verlangen die sie zukuenftig an den Monopolisten PIL verkaufen.


a09Und das alles ohne das die Benzinpreise bisher gestiegen sind, wenn das dann mal losgeht –Prost Mahlzeit (noch mit guenstigerer Milch)

 

Bis zum naechsten Mal.

 

Axel Anlauf

 

*Das Konzept moechte die traditionellen gemeinschaftlichen andinen wirtschaftsformen (comuniatrio) mit einer staatlich gesteuerten binnenorientierten Wirtschaft (socialismo) verbinden, bleibt jedoch in bisher sehr vage in den Worten seines Urhebers Alvaro Garcia Linera, dem MAS Chef-Ideologen und Vizepraesidenten. (rechts im obersten Bild)